Wir nehmen jedes Anliegen ernst

aus der Mainpost vom 23.10.2019

Ein weißer Telefonhörer auf einer rosafarbenen Telefontaste: Das ist das etwas antiquiert wirkende Logo der Rosa Hilfe Würzburg, gegründet vor mehr als 40 Jahren unter dem Dach des schwullesbischen Zentrums WuF e. V.

Bundesweit bieten die Einrichtungen der Rosa Hilfe in den jeweiligen Städten qualifizierte Beratung rund um das Leben von schwulen, bi- und transsexuellen Männern durch schwule Männer an. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Homosexualität in den vorherrschenden Moralvorstellungen gesellschaftlich und politisch geächtet war, war dies sicher ein wichtiger Anker für Schwule.

Inzwischen aber hat sich viel geändert: Der Paragraf 175, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, ist außer Kraft gesetzt, die Gesellschaft offener geworden, nicht nur Politiker und Prominente bekennen sich öffentlich zu ihrer Homosexualität und fungieren so als mediale Vorbilder.

„Grundsätzlich beantworten wir natürlich viele Fragen zu sexuell übertragbaren Krankheiten, nehmen Ängste und stellen Infomaterial zur Verfügung.

Doch selbst unter diesen erfreulichen Gegebenheiten wird die Rosa Hilfe Würzburg weiterhin vielfach in Anspruch genommen, wie Andy Hausknecht und Björn Soldner vom derzeit neunköpfigen Beratungsteam versichern. „Die Zahl der Hilfesuchenden pendelt konstant zwischen 350 und 400 im Jahr.“ Wobei Anrufe unter der jeden Mittwochabend zwei Stunden lang besetzten Rufnummer (09 31) 19 446 tatsächlich relativ selten geworden seien. Aber das liege am veränderten Kommunikationsverhalten: „Kontakt findet heute weitestgehend zunächst über E-Mail, Chats und WhatsApp statt. Und nach Absprache auch im persönlichen Gespräch, wobei wir selbstverständlich auch hier auf Diskretion achten.“ Im „Wir“ von Andy Hausknecht und Björn Soldner sind alle ehrenamtlich aktiven Rosa-Helfer einbezogen, die zuhören, beraten, informieren und oft auch weitervermitteln. Sie sind unterschiedlich alt (von Mitte 20 bis Mitte 40), haben unterschiedliche persönliche und berufliche Erfahrungen (einige mit psychologischer oder sozialpädagogischer Ausbildung), kommen aus unterschiedlichen Lebensbereichen.

Sie einen nicht nur die Erlebnisse, die sie als homosexuelle Männer selbst gemacht haben, sondern auch der gemeinsame Anspruch an eine gute Beratung, die durch gemeinsame Fort- und Weiterbildungen zur Gesprächsführung sowie zu Fachthemen gesichert wird.

Hilfe von Schwulen für Schwule, das mache die Kontaktaufnahme leichter. „Und egal mit welchem Anliegen sich die Hilfesuchenden an uns wenden, wir nehmen jedes einzelne ernst“, betonen die beiden.

Um welche Themen geht?s? Die Vielfalt sei groß und zum Teil altersabhängig, die Schwerpunkte hätten sich im Laufe der Jahre geändert, sagt Björn Soldner, der seit sechs Jahren als Ansprechpartner fungiert.

Einen großen Raum nehmen nach wie vor Fragen zum Coming-out ein – vor allem jedoch bei Männern im Alter von Mitte 40 bis Mitte 60. Kaum dagegen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die dazu eher weniger Beratung in Anspruch nehmen.

Wenig überraschend ist daher der Wunsch nach konkreten Tipps und Anlaufstellen in Würzburg: Wo ist in der Stadt oder in der Umgebung was los? Wo kann man Mann treffen? Aber auch zu gesundheitlichen Anliegen ist der Beratungsbedarf durchgehend hoch. „Grundsätzlich beantworten wir natürlich viele Fragen zu sexuell übertragbaren Krankheiten, nehmen Ängste und stellen Infomaterial zur Verfügung. Oft verweisen wir dabei aber auch zusätzlich auf weiterführende Beratungsstellen und Kooperationspartner sowie spezialisierte medizinische und psychosoziale Angebote aus der Region. Wöchentlich erreichen uns zur Zeit Anfragen zur PrEP und deren Einführung als Kassenleistung.“ PrEP steht für Prä-Expositions-Prophylaxe und meint ein Medikament, das beim ungeschützten Geschlechtsverkehr eine HIV-Infektion verhindert.

Neben diesen Beratungsthemen kümmert sich die Rosa Hilfe auch verstärkt um ein in den vergangenen Jahren größer gewordenes Phänomen: „Viele unserer älteren Klienten, vor allem aus dem ländlichen Raum Unterfrankens, fühlen sich einsam und kommen mit dem täglichen Alleinsein schwer klar. Ihnen fehlt es an gleichgesinnten sozialen Kontakten, am persönlichem Miteinander und an gesellschaftlicher Teilhabe unter ihresgleichen.“

Auch in diesen Fällen berät die Rosa Hilfe, versucht Mut zuzusprechen und verweist je nach persönlichem Interesse, auf Veranstaltungen und weitere Möglichkeiten, in Kontakt zu kommen.

Das erfordert zu den jährlich etwa „500 reinen Beratungsstunden“, die mittwochs zu dritt erfolgen, den monatlichen Teamsitzungen und den regelmäßigen Fortbildungen einen großen ehrenamtlichen Einsatz. „Aber wir leisten ja keinen Dienst nach Vorschrift und bekommen immer wieder auch positive Rückmeldungen“, betonen die Rosa-Helfer, die als Brückenbauer und Netzwerker mitwirken, das „Schwulenbild“ in der Gesellschaft positiv zu ändern und andere städtische und soziale Einrichtungen für „schwule Themen“ zu sensibilisieren.

Mitunter belaste sie ihr soziales Engagement zwar, vor allem wenn es um aussichtslose Flüchtlingssituationen (die sexuelle Orientierung ist kein Asylgrund) oder homophobe Gewalttaten gehe. Unterm Strich jedoch, das betonen Andy Hausknecht und Björn Soldner, die für das gesamte Team sprechen, „empfinden wir unsere ehrenamtliche Tätigkeit als sinnvolle persönliche Bereicherung“.

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